Entrissene Heimat

Museumsobjekt: Teddy
Entstehungsdatum: erster Teddybär: 1902
Künstler/Hersteller: Steiff
Entstehungs/Fundort: -
Technik/Material: Stoff,...
Museum: -
Ort (Museum): -
Bundesland: Baden-Württemberg

Kommentar:

Da waren sie wieder, das Licht, das Hupen und plötzlich ein Knall – schweißgebadet schreckte Vivian aus ihrem Schlaf hoch. In ihrem Zimmer war noch alles dunkel und ihre Wecker zeigte zwei Uhr morgens.
Seit sechs Wochen ging das nun schon so, seit dem Tag, an dem ihre Eltern und ihre kleine Schwester ohne sie nach Wien zum Geburtstag ihrer Tante gefahren waren. Wie sie sich damals aufgeregt hatte, weil es doch ihre Lieblingstante war, die sie nur so selten sah, bei der sie sich aber immer wie zu Hause fühlte. Doch sie hatte mit Fieber und einer Erkältung im Bett gelegen und so hatten ihre Eltern beschlossen ohne die sechzehnjährige Tochter zu fahren.
Noch heute wünschte sich Vivian, sie wäre mitgefahren und müsste nun nicht mit dem tiefen Schmerz leben, den der Verlust ihrer Eltern und ihrer kleinen Schwester durch diesen tödlichen Unfall in ihr verursacht hatte.
Nichts war mehr so wie früher. Sie lebte jetzt bei ihrer Tante in Wien, die sich so viel Mühe gab ihr zu helfen und extra das Arbeitszimmer für sie geräumt hatte, doch das Haus, dass früher auf sie so hell und freundlich wirkte, war jetzt für sie nur noch trist und kalt. Von ihrer Krankheit hatte sie sich seit dem Tod ihrer Familie nicht mehr erholt und wenn sie in den Spiegel schaute, sah sie nur noch einen mageren, bleichen Schatten ihrer selbst. Durch die nächtlichen Alpträume konnte sie kaum schlafen, weshalb sie den ganzen Tag müde war und auch der Appetit war ihr vergangen. An Schule war in diesem Zustand gar nicht zu denken und so verbrachte sie ihre Tage am liebsten verkrochen in ihrem Bett in einem abgedunkelten Zimmer.
Noch immer zitterte Vivian vor Angst. Sie wusste, dass sie nun, da sie einmal wach war, bis in die Morgenstunden nicht mehr würde schlafen können. So war es immer.
Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit und ihr Blick fiel auf die Kiste im hinteren Teil ihres Zimmers. Seit vier Wochen stand sie nun schon da, doch sie hatte sich nie getraut sie zu öffnen. Ihre Tante, die sich gerade um den Verkauf des Hauses von Vivians Eltern kümmerte, hatte sie auf dem Dachboden gefunden. Sie hatte nicht reingeschaut, doch da auf dem Deckel „Kindersachen Vivian“ zu lesen war, mussten sich in ihr Dinge aus Vivians Kindheit befinden, von denen sie nicht gewusst hatte, dass ihre Mutter sie aufgehoben hatte.
Vivian wollte das jedoch alles nicht sehen. Sie wollte nur vergessen, vergessen, dass sie einmal eine Familie hatte und wie glücklich sie einmal gewesen war. Seit sie von dem Unfall erfahren hatte, hatte sie es geschafft nicht mehr zu weinen und das wollte sie sich durch diese blöde Kiste voller Erinnerungen nicht kaputt machen lassen. Andererseits hatte sie ihrer Tante aber auch nicht erlaubt, die Kiste aus ihrem Zimmer zu nehmen, denn ein Teil von ihr, und dieser Teil wurde von Nacht zu Nacht stärker, wollte doch wissen, was ihre Mutter da aufgehoben hatte.
Schnell nahm Vivian die Augen von der Kiste und verdrängte diese Gedanken aus ihrem Kopf. Sie schaute auf die Uhr: fünf nach zwei. Die Zeit schien jeden Tag langsamer zu vergehen. Vivian entschloss sich, ein Glas Wasser zu trinken und schlug ihre Decke zurück.
Langsam stand sie auf. Wie immer fingen ihre Knie sofort an zu zittern und ihr wurde heiß und kalt gleichzeitig. Schwach wie sie war, waren selbst die paar Schritte zur Tür eine riesige Anstrengung. An der Tür angekommen fiel ihr Blick noch einmal auf die Kiste und zum ersten Mal bemerkte sie, dass ein paar Härchen aus dem Spalt zwischen Deckel und Kiste hervorlugten. Vorsichtig ging Vivian auf die Kiste zu, kniete sich vor ihr nieder und öffnete den Deckel. Mit großen Runden Augen schaute sie aus der Kiste ihr alter Teddybär an. Vor lauter Überraschung ließ Vivian fast den Deckel wieder zufallen. Sie hatte nicht gewusst, dass es den Teddy noch gab. Molly nannte sie ihn früher und sie waren unzertrennlich gewesen, bis sich an ihrem elften Geburtstag ausgerechnet der Junge, in den sie verliebt war, über sie lustig gemacht hatte, als er den Teddy auf ihrem Bett sah. Damals war sie so wütend gewesen, dass sie ihn abends in die Tonne schmiss. Ihre Mutter musste ihn wohl ohne ihr wissen wieder rausgefischt haben.
Langsam streckte Vivian den Arm aus, nahm den Teddy in die Hand und fühlte das Fell, das durch die Strapazen, die es hatte mitmachen müssen, seit sie den Teddy zu ihrem ersten Geburtstag bekommen hatte, nicht mehr ganz so weich war. Sie erinnerte sich daran, wie ihr Teddy sie als Kind immer getröstet hatte und spürte, wie sich hinter all ihrer Verzweiflung, wie damals, ein kleiner Funken Wärme ausbreitete. Bilder stiegen in ihr hoch, wie ihre Mutter sie mit ihrem Teddy ins Bett brachte, wie ihr Vater auf halbem Weg in den Urlaub umdrehen musste, weil sie ihren Teddy vergessen hatte und wie sie und ihre Schwester mit dem Teddy spielten. Und ganz langsam kullerte ihr eine Träne über die Wange, gefolgt von vielen weiteren Tränen. Es waren Tränen der Trauer, aber auch Tränen, die halfen zu verarbeiten und so weinte sie sich langsam in den lange ersehnten traumlosen Schlaf.

kommentiert von:

Alter: 18
Ort: Hildrizhausen
Schule: Schönbuch-Gymnasium Holzgerlingen