Erlangen - meine Heimat

Museumsobjekt: Zunfttafel
Entstehungsdatum: 18. Jahrhundert
Künstler/Hersteller: unbekannt
Entstehungs/Fundort: Erlangen
Technik/Material: Holz Einlegearbeit
Museum: Stadtmuseum
Ort (Museum): Erlangen
Bundesland: Bayern

Kommentar:

Erlangen – Meine Heimat

Zunächst wird mit dem Begriff Heimat der Ort verbunden, an dem man geboren und aufgewachsen ist und seine ersten Sozialisationserlebnisse gemacht hat.
Die meisten vergessen dabei den Hintergrund, der sie an diesen Ort gebracht hat.

Die Vorgeschichte

Meine Familie war nicht schon immer in Erlangen ansässig.
Mein Urgroßvater, Joseph Rupp, war einer von ungefähr 3 Millionen Sudetendeutschen, die nach der Staatsgründung der Tschechoslowakei, im Jahre 1918, in der heutigen Tschechischen Republik lebten.
Er bewohnte mit seiner Ehefrau, Josephine Rupp, ein Bauernhaus in der Stadt Brünn.
1938 war für die deutsche Familie ein besonderes Jahr. Ihre Heimat, das Sudetenland, zählte auf Grund des Münchner Abkommens zum Deutschen Reich.
Hitler konnte dieses Abkommen im September 1938 erzwingen.
Als die Tschechoslowakei nicht auf Hitlers Forderungen der Gebietsabtretungen einging, drohte er mit dem Eingreifen der Wehrmacht.
England hoffte auf eine Vermeidung des Kriegsausbruchs durch Zugeständnisse an Deutschland und so akzeptierte der englische Premierminister, Chamberlain, am 22. September 1938 die Grenzveränderung in Ostmitteleuropa.
Ein Jahr später brach der Zweite Weltkrieg aus und mein Urgroßvater musste als deutscher Staatsbürger in den Krieg ziehen.
Nach einem Fronturlaub im Jahre 1940 kehrte er aus dem Krieg nicht wieder zurück. Die genauen Todesumstände, wie Zeit und Ort, sind trotz intensiver Nachforschungen von Seiten meiner Urgroßmutter bis heute nicht bekannt.

Er hinterließ seine Ehefrau, Josephine Rupp, eine Tochter, Ingrid Rupp, geboren 1939, und einen Sohn, Klaus Dieter Rupp, geboren 1941 (meinen Großvater).
Am 8. Mai 1945 war der Krieg mit der Kapitulation Deutschlands in Europa vorüber.

Die Vertreibung

Doch für meine Urgroßmutter begann ein neuer Kampf.
Im Sommer 1945 wurde Josephine Rupp mit ihren beiden Kindern aus ihrer Heimat aus Brünn vertrieben.
Sie waren drei von vielen Sudetendeutschen, die von den tschechischen Behörden enteignet und entrechtet wurden.

Legitimiert und initiiert wurde die Vertreibung durch das Kaschauer Programm und die Benesch - Dekrete.
Diese Dekrete wurden von dem tschechoslowakischem „Exil - Präsidenten“ Edvard Benesch nachträglich verfasst.
Sie versprachen den tschechoslowakischen Behörden absolute Amnestie für die Entrechtung, Enteignung und Zwangsvertreibung der Menschen, die sich bei der Volkszählung im Jahre 1930 als deutscher Staatsbürger bezeichnet hatten.

Wie auch mein Urgroßvater, Joseph Rupp.
Somit waren auch meine Urgroßmutter, mein Großvater und dessen Schwester dem Deutschen Reich zugehörig und sie mussten ihr Zuhause verlassen.
An der bayerischen Grenze fanden sie Unterschlupf im ehemaligen Konzentrationslager Flossenbürg, welches als Auffanglager diente.
Die Amerikaner nutzten die früheren Konzentrationslager als Unterkunft für die Flüchtlinge, da es schwer war eine andere Behausung für sie zu finden.
Man versuchte sie in Privathäusern und Wohnungen unterzubringen. Allerdings stellten sich meist die Bewohner gegen diese Maßnahme.
Im Gegensatz zu den Flüchtlingen, die während des Krieges ausgebombt wurden, wurden die Vertriebenen nicht mit Mitleid empfangen.
Es entwickelte sich ein Hass gegen die „Polaken“ und „Sudeten“.
In Deutschland sah man sie nicht als Mitbürger an. Auch im Sudetenland nicht. Überall waren sie nur die Ausländer, die keiner haben wollte, weil sie durch die Lebensmittel- und Rohstoffknappheit, die nach dem Krieg herrschte, nichts weiter als eine Belastung darstellten.
Man wusste, dass dies ein Asyl auf Ewig sein wird und nicht nur übergangsweise.
Die Alliierten bemühten sich, trotz der Gegenwehr durch das deutsche Volk, um eine Unterbringung der Flüchtlinge.
Meine Familie wurde von einer Notunterkunft zu einer anderen geschickt. Zuletzt wohnten sie bei verschiedenen Bauern in der Umgebung von Fürth.

Der Beginn eines neuen Lebens I.

Durch die Nähe zu Erlangen fand Josephine Rupp eine Anstellung bei der Firma Gossen. Ihr Meister dort war Ludwig Jenette, dem sie durch ihre gemeinsame Arbeitsstelle näher kam.

Exkurs: Ludwig Jenette, ein Nachfahre der Hugenotten

Auch Ludwig Jenette kam auf Grund eines Schicksalsschlags nach Erlangen. Oder besser: Seine Vorfahren. Diese zogen im 17. Jahrhundert als Hugenotten aus Frankreich nach Erlangen.
Die Hugenotten wurden zwar nicht wegen ihrer Staatsangehörigkeit aus ihrer Heimat vertrieben, sondern auf Grund ihres protestantischen Glaubens, aber auch sie waren in ihrer ersten Heimat eine verfolgte Minderheit.
Die Fluchtwellen der Hugenotten wurden durch die Widerrufung des Edikts von Nantes durch den Sonnenkönig Ludwig XIV. im Jahre 1685 ausgelöst.
Das Edikt von Nantes versprach den Calvinisten staatsbürgerliche Gleichberechtigung, Glaubens-, Kult- und Gewissensfreiheit.
Etwa 3000 von 400.000 Flüchtlingen kamen nach Franken, was der Bayreuther Markgraf Christian Ernst möglich machte.
1686 siedelten die ersten sechs Hugenotten in Erlangen. Ihnen folgten bis Ende des 17. Jahrhunderts noch mehr.
Christian Ernst sah die Einwanderung von einem nützlichen Gesichtspunkt aus. Er verwirklichte sich mit den neuartigen Gewerben, die die Franzosen mitbrachten den Traum einer Planstadt, die heutige Neustadt Erlangens.
Der Bau begann noch 1686 mit der Grundsteinlegung der Hugenottenkirche auf dem heutigen Hugenottenplatz und endete Mitte des 18. Jahrhunderts.
Die Flüchtlinge damals wurden herzlich in der Gemeinschaft aufgenommen und konnten viel für Erlangen bewirken. Heute wird sie deshalb auch die Hugenottenstadt Erlangen genannt.

Der Beginn eines neuen Lebens II.

1951 erhielt Josephine von der Firma Gossen eine Wohnung in der Drausnickstraße in Erlangen, die sie sich mit ihren zwei Kindern teilte.
Später lernte ihr Sohn, Klaus Dieter Rupp, bei der selbem Firma als Elektriker.
1960 ging Josephine Rupp den heiligen Bund der Ehe mit Ludwig Jenette ein.
Im selben Jahr heiratete ihre Tochter einen Erlanger und ein Jahr später ihr Sohn eine Erlangerin.
1961 erblickte der Sohn von Klaus Dieter und Franziska Rupp – mein Vater - das Licht der Welt.
Dieser verbrachte seine gesamte Kindheit und Jugend in Erlangen, machte seine ersten Sozialisationserlebnisse hier, ging zur Schule, entschied sich für eine Ausbildung bei der Polizei und lernte schließlich seine Frau, Birgit, geborene Krämer, kennen.
Mit ihr gründete auch er, Ralf Rupp, der Enkel der Josephine Rupp, eine Familie.
Am 30. 1. 1987 wurde seine erste Tochter, meine Schwester Laura, geboren. 1988 folgte ich und zehn Jahre später meine Schwester Antonia.

Wir Kinder wären ohne den langen Weg, den unsere Vorfahren für sich, aber auch für uns, gegangen sind, nicht hier und es wäre alles anders gekommen.
Für diesen Kampf, den sie für uns gekämpft haben, sollte es uns, den Nachfahren, eine Ehre sein, Erlangen unsere Heimat nennen zu dürfen.


Quellen:
Erlanger Stadtlexikon
Geo Epoche, Kriegsende 1945
www.dhm.de
www.wikipwdia.de
Zeitzeugen: Ingrid Heller, geb.Rupp
Klaus, Dieter Rupp

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Alter: 19 Jahre
Ort: Erlangen
Schule: Emmy-Noether-Gymnasium