Fahrten nach Jena

Museumsobjekt: Bahnhof Jena
Entstehungsdatum: 1874 (neu gebaut 18. Juni 2005)
Künstler/Hersteller: Die Jenaer.
Entstehungs/Fundort: Jena Paradies
Technik/Material: Alles, was man für einen Bahnhof braucht.
Museum: Kein Museum, Heimat ist nicht nur Museum!
Ort (Museum): Jena
Bundesland: Thüringen

Kommentar:

Erst mal möchte ich sagen, dass ich finde, dass Heimat nicht unbedingt in einem Museum sein muss oder ein (Geburts)Ort, sondern es können auch Erlebnisse oder Gefühle damit verbunden sein.

Deshalb habe ich das Stadion meines Lieblingsfußballvereins gewählt: das Ernst-Abbe-Sportfeld vom FC Carl Zeiss Jena. Ich empfinde dort ein starkes Heimatgefühl, weil es immer etwas Besonderes ist, wenn ich (als Berliner) mit meinem Papa, der auch Jenafan ist, zum Spiel fahren darf.

Ich freue mich immer wieder riesig darauf. Dann fahren wir mit dem Zug Hamburg - München von Berlin Hauptbahnhof bis Jena Paradies (so heißt die Station). Ich liebe diese Fahrten mit der Bahn... man kann rausgucken, lesen und das Beste: die Vorfreude auf Jena!

Papa liest sein Buch, schläft, Conny (ich) lese mein Buch oder meine Fußballhefte und sage: "Papa, erzähl mir was von Fußball." Und Papa erzählt von 1963, Jenas erstem Meistertitel und so weiter.
Endlich sind wir da, Jena, aussteigen. Der vertrauteste Bahnhof der Welt wartet auf mich (der Berliner Bahnhof ist zu groß um ihn genau zu kennen). Aber der Jenaer... man erkennt immer alles wieder, auch nach Monaten: den Süßigkeitenautomaten, die zwei Bahnsteige und natürlich der Bäcker unten in der "Bahnhofshalle". Jeder Aufkleber klebt noch an seinem Platz, zum Beispiel: "Horda Azzuro" (Jenaer Fanclub) oder "Jena-Fans gemeinsam gegen Rassismus".

Das ist es, was Jena oder Fahrten zu Jena-Spielen zu meiner Heimat machen.

Wir suchen uns ein Schließfach und Papa stopft seine Tasche hinein, ich meinen Rucksack, nur mein Jena-Schal kommt mit, ob es schneit oder die Sonne brennt. Wir gehen den Betonweg durch den Park lang, immer mehr gleichgesinnte Jenafans gesellen sich zu uns. Die Sonne scheint. Wir kommen an den Skatebordschanzen vorbei. Endlich! Das Ernst-Abbe-Sportfeld. Ich ziehe meine Jacke aus und mein azurblaues FCC (Abkürzung für FC Carl Zeiss Jena) Trikot kommt zum Vorschein. Wir stellen uns in die Warteschlange am Eingang. Papa kommt mit seiner Akkreditierung durch (Presse-Eintrittskarte) und ich mit meiner im Internet erworbenen Eintrittskarte. Wir sind drin! Endlich wieder dieses Gefühl mit den Leuten zusammen zu sein, die wissen, was es heißt Jena-Fan zu sein! Ich liebe dieses Gefühl. Es ist für mich Heimatgefühl.

Papa holt sein oranges Presse T-Shirt und bringt auch gleich zwei Programmhefte mit. Jetzt verabschieden wir uns, denn Papa darf in den Innenraum des Stadions gehen und ich weiß, er geht hinter das gegnerische Tor. Um Jena-Tore zu knipsen, die wir zu Hause vor dem Dia-Projektor angucken. Wieder ein Heimatgefühl, an schöne Erlebnisse erinnert zu werden.

Ich gehe zur Südkurve, dem Jenaer-Ultra-Block (dort stehen die Hardcore-Fans), und geselle mich zu schon halb angetrunkenen Jenensern. Noch zehn Minuten bis zum Spiel und ich schaue in die Menge, die im Stadion sitzt und steht, gekommen ist um ihr Team anzufeuern, ob in guten oder schlechten Zeiten, Zusammenhalt ist nämlich auch Heimat.

Endlich, es ist so weit und die Spieler laufen ein. Es wird laut im Stadion: "JENA, JENA, JENA!", schreien die Fans.

Ich sehe die Kernberge, die hinter der Gegentribüne in den Himmel ragen. Es ist ein Heimatblick und damit auch ein Ort als Heimat.


Schlusspfiff. Schon wieder verloren. 1:2, gegen Freiburg. Dieses Ende habe ich schon oft erlebt: erst die Vorfreude und dann bittere Enttäuschung, es ist schwierig die Tränen zu unterdrücken.

Als wir in Köln waren, und wir binnen 13 Minuten den Sieg vergeigt hatten, weinte ich, es ist schlimm so enttäuscht zu werden. Aber wenn ich in Jena bin, habe ich wenigstens noch den Trost "zu Hause" zu sein.

Ich laufe hinunter an den Zaun und die Spieler kommen zu ihren treuen Fans, trotz der Niederlage. Sie klatschen ab und bedanken sich für die Unterstützung. Papa kommt auch zu mir an den Zaun und sammelt mir Autogramme in mein Programmheft. Die ordne ich zu Hause in Berlin in meine Fußballsammlung ein.

Wir gehen den Weg zurück, den wir zweieinhalb Stunden vorher noch mit Freuden zurückgelegt hatten traurig zurück. Wir gehen zum Bahnhof. Papa holt seine Tasche. Wir gehen noch in den Bäckersladen und Papa kauft sich Bier und Hotdog, für mich Vita-Cola und Pizza. Wir gehen hoch, der Zug kommt mit acht Minuten Verspätung und wir fahren. Wir fahren meine allerallerliebste Strecke im Leben, ich blättere mein Programmheft durch und schaue auf meine neuen Autogramme.

Es ist dunkel. 21:30 Uhr. Berliner Hauptbahnhof. Papa trinkt noch Kaffee im Tchiboladen. Dann rein in die stickige Berliner S-Bahn. Zwei Stationen Fahrt. Wir steigen um in die zerkratzte M1 und fahren nach Hause. Während der Fahrt denke ich mir, nein, das ist nicht meine Heimat!

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Alter: 12 Jahre alt.
Ort: Berlin Pankow
Schule: 15. Gymnasium Berlin-Pankow (noch auf Namenssuche)